Michael Maria Rosen

© M.M.Rosen

"Dank an Euch, die Ihr vorangegangen ins Licht"
oder "Schwul und nichts im Topf"
Gespräch am Wegesrand

Gerade umgezogen durchstreifte ich die einsame Landschaft meines neuen Zuhauses,
als ich einen Nachbarn mit seinem Hund traf. Er fragte:
»Moin, wer sind Sie denn?«
»Moin, Moin ich wohne einen Hof weiter, bin gerade eingezogen.«
»Was machen Sie, womit verdienen Sie ihr Geld?«
»Ich bin Fotograf und Dichter, war früher Tischler«
»Oh nein, nicht schon wieder« war seine Antwort. »Seid Ihr nicht alle schwul und habt nichts im Topf!

Ein paar Häuser weiter wohnte auch so einer, ein Zeichner, der saß den ganzen Tag nackt auf dem Dach, während seine Frau ebenso nackt, ganz nackt, singend durch den Garten hüpfte.«
»Ich denke, wir sind alle schwul.«
»Hm! Können Sie denn nichts Produktives machen, was Ordentliches. Sie wissen schon,
von wegen Bruttosozialprodukt. Da geben Sie ihren guten produktiven Beruf als Tischler auf, um der Gesellschaft, sprich mir auf der Tasche zu liegen. Von Euch Künstlern haben wir wirklich genug. Meine Tochter wollte auch mal sowas werden, habe sie verstoßen. Nun macht sie was
Ordentliches. Darf wieder kommen.«
»Und, ist sie glücklich, sind Sie es?«
»Hm?« »In unserer Gesellschaft ist es nicht leicht, dem Ruf seines Herzens zu folgen« antwortete ich.
»Bist du wahnsinnig, bekommst du von hinten zu hören. Das sollte mein Mann mal tun, das Nudelholz wär meine Begrüßung an der Tür, nur von außen bekäm er sie noch zu sehen, schimpfte eine Ehefrau.«
»Gute Frau«, steuerte mein Nachbar bei.
»Sie sagen mir, ich solle etwas Produktives tun. Sie könnten gar nicht produktiv sein, könnten Ihr ordentliches Leben gar nicht führen, hätte es nicht über die Jahrtausende die vielen kleinen und großen Künstler gegeben, die für Sie, ein kleines Stückchen vom Himmel auf diese Erde brachten. Ohne die Heiligen, Künstler und Mystiker, wäre unsere Erde Ihrem negativen Denken entsprechend längst zum Jammertal verkommen.«
Fäuste ballten und entspannten sich, als plötzlich sein Herz verstand.
»Sie folgten ihren Herzen, einem Ruf, einer inneren Stimme, brachten Ihnen den Himmel nah. Was wäre Ihr Leben ohne die Liebe der vielen, die sie für Sie halten, unmittelbar durch die Meister und Mystiker oder durch Musik, Gemaltes, Geschriebenes, Gesagtes, wie auch immer in seiner unaussprechlichen Vielfalt Geformtes, damit Sie ein besseres Leben führen und mit offeneren Augen sehen können, daß es schön sein kann, schön ist. Wo wäre die Welt, ohne die Kleinen und Großen, die von Herzen den steinigen Weg für Sie vorausgegangen? Wieviele starben für ihren Herzensruf.
Verhungert, gekreuzigt, geköpft, gefoltert, verbrannt für die Liebe, die sie fühlten, ließen sie ihre unendliche Schönheit für Sie leuchten. Können Sie sich, um nur ein Beispiel zu nennen, ein Leben ohne Musik vorstellen?! Wie leer wäre es! Solang nötig wird es sie geben, die Gesandten des Einen.
Sie gehen in dem Augenblick, wo sie den Ruf als Wahrheit fühlen. Wider allen Gespötts.
Aus Liebe, für die Liebe stehen sie auf für das Ganze, zu seinem Heil, für Sie.

Wäre es nicht schön, würde nicht mehr gekreuzigt und würden die, die es schon sind endlich vom Kreuz geholt!«

Seine trüben Augen begannen zu glänzen. Mein Nachbar sprach:
»So kenne ich meinen Hund gar nicht, ich glaube er mag Sie.«
»Ich danke Ihnen für ihre Offenheit. Was Sie ehrlich aussprachen bringen einige, oft die, die es besser wissen könnten, durch Messerstiche in den Rücken zum Ausdruck. Menschen, die glauben, das Recht zu haben, zu verurteilen, die meinen, jemanden zu kennen, dabei streifen sie nicht einmal den Rand
der äußersten Oberfläche seines Seins. «

»Einen schönen Tag noch«, »den wünsche ich Ihnen auch« und er zog mit seinem Hund davon. Wir trafen uns noch einige Male. Sah er mich von weitem, ließ er seinen Hund von der Leine, der sogleich freudig kam, mit dem treuen Hundeblick: Bitte streichel mich. So sprachen wir übers Wetter. Auf die Frage, woran ich gerade
arbeite antwortete ich:
»An meiner nächsten Ausstellung. Sie heißt: "FÜR DIE ERDE Muscheln im Licht". Sie sind herzlich eingeladen«

 


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